Dieses Jahr begann unser Sommerurlaub später als gewöhnlich, so konnten wir, bevor wir nach Calais aufbrachen, der Schwester meines Mannes noch zum Geburtstag gratulieren, was wir in den vergangen Jahren immer per Telefon aus irgendeinem europäischen Land erledigt hatten. Das Auto war voll gestopft mit all den Dingen, die wir glaubten mitnehmen zu müssen. Bevor wir losfuhren vergewisserte ich mich noch einmal, dass die Kameraausrüstung und das Notebook auch wirklich im Wohnmobil verstaut waren. Dann konnte es losgehen. Ein kurzer Stopp am heimischen Supermarkt verzögerte den endgültigen Aufbruch allerdings noch, aber ohne Margarine aus Deutschland wollten wir nicht nach Großbritannien übersetzen, denn dort ist deutlich mehr Salz in Butter und Margarine enthalten und daran haben wir uns trotz diverser Urlaubsreisen auf die Insel nicht gewöhnen können. Wir mussten uns nicht beeilen, denn wir hatten für die Fahrt zum Fährhafen genug Zeit eingeplant. Trotzdem waren wir froh, als wir Brüssel umrundet hatten, denn dort besteht eigentlich immer das Risiko, dass man mitten in einem Stau landet.

Fährhafen von Calais

Zuhause hatte es geregnet, als wir losgefahren waren, doch je weiter wir nach Westen fuhren umso freundlicher wurde das Wetter. So schien die Sonne von einem blauen Himmel, auf dem weißen Wolken vom frischen Wind angetrieben entlang zogen, während wir im Fährhafen von Calais darauf warteten, dass wir endlich auf die „Pride of Canterbury“ rollen durften, um Richtung England loszuseglen.

Fährhafen von Calais

Eine Überfahrt bei Sonnenschein am frühen Nachmittag war eine Premiere. Wir waren sonst immer am frühen Morgen, wenn es noch dunkel war nach Dover übergesetzt, weil dann die Fähre deutlich preiswerter war. So konnten wir zum ersten Mal richtig genießen, wie Frankreich immer kleiner wurde und am Horizont die weißen Kreideklippen von Dover immer deutlicher zu sehen waren. Wir hatten einen gemütlichen Platz vorne in der Fähre an einem Fenster ergattert, von wo aus man einen gute Sicht hatte, und genossen die Aussicht bei Kaffee und Muffins zuerst nur von drinnen. Erst kurz vor der Ankunft im Hafen von Dover kletterten wir hinauf aufs Aussichtsdeck, um zu fotografieren.

Auf der "Pride of Canterbury"

Während die „Pride of Canterbury“ zunächst einem Stück der französische Küste folgte, wurde vorne auf der Fähre fleißig gearbeitet. Es wurde gestrichen. Ich schaute zu, wie die Bordwand wieder makellos weiß wurde und verpasste dabei beinahe den Blick auf das Cap Blanc-Nez, die „weiße Nase“ der Côte d'Opale, verpasst. Dann bogen wir ab Richtung Großbritannien. Die Überfahrt dauert rund 90 Minuten und so hat man viel Zeit über alles Mögliche nachzudenken, was man im Laufe der Zeit so über den Pas de Calais, die Passage von Calais, gelesen hat.

Fährhafen von Calais

Cap Blanc Nez

Auf dem Weg nach England

Vor rund 425 000 Jahren hätten wir noch keine Fähre gebraucht, um von Frankreich nach England zu gelangen. Forscher um Sanjeev Gupta vom Imperial College in London haben herausgefunden, dass damals eine gigantische Flutwelle, den Ärmelkanal geschaffen hat und so Großbritannien zu einer Insel machte. Sie stützen ihre Thesen auf zwei bis zu 120 m tiefe submarine Täler, die auf einer Länge von ungefähr 500 Kilometern den gesamten Ärmelkanal von Ost nach West durchziehen. Von England und Frankreich münden eine Reihe von kleineren Erosionstälern in den Graben, die von den Flüssen Solent und Rother bzw. Seine und Somme geschaffen wurden. Da keine dieser Seitentäler die Tiefe der beiden Hauptrinnen erreicht, gehen die Wissenschaftler davon aus, dass weder die normale Erosion der Flüsse noch Ebbe und Flut den Ärmelkanal geschaffen haben.

Auf dem Weg nach England

Vor knapp einer halben Million Jahren war der Bergrücken aus Kreidegestein zwischen Calais und Dover noch intakt. Eine der nordeuropäischen Eiszeiten war gerade auf ihrem Höhepunkt und die Gletscher bedeckten Skandinavien, Dänemark, Teile Norddeutschlands, Großbritanniens, Irlands und auch die gesamte Nordsee. Die Eismassen schoben gewaltige Mengen Schutt in Form einer Endmoräne vor sich her. Eis und Geröll stauten sich vor dem Kreidedamm zwischen Dover und Calais und aus Rhein und Themse flossen große Wassermassen in die unter dem Eis liegende Nordsee, die sich auch an dem Bergrücken aufstauten. Als das Eis sich langsam zurückzog und auch noch große Mengen von Schmelzwasser hinzukamen, hielt der Bergrücken und die Endmoräne dem Druck nicht mehr stand. Der Damm brach und das aufgestaute Wasser bildete eine gewaltige Flutwelle, die sich ihren Weg nach Westen suchte. Mehr als viermal soviel Wasser wie heutzutage durch den Amazonas - den wasserreichsten Fluss der Erde – fließt, strömte mehrere Monate lang durch die gebrochene Barriere und schuf die beiden Rinnen im Boden des Ärmelkanals. Der reißende Strom, größer als jeder heute durch Europa fließende Fluss, stellte für viele Jahrtausende für die Menschen ein unüberwindliches Hindernis dar und so geriet die menschliche Besiedelung Großbritannien für 120 000 Jahre ins Stocken. Vor rund 20.000 Jahren während der letzten Eiszeit versank schließlich das Flusstal durch eine weitere Flutkatastrophe im Meer. Der Meeresspiegel war damals etwa 100 Meter tiefer als heute, als er anstieg wurde das Flusstal geflutet, der Ärmelkanal war entstanden.

South Foreland Lighthouse

Saint-Margaret-at-Cliffe

Als die weißen Kreidefelsen von Dover deutlicher wurden, konnten wir den kleinen Leuchtturm oben auf den Klippen erkennen. Der South Foreland Leuchtturm wurde 1843 errichtet. Ursprünglich waren es zwei Türme, die zusammen mit einer ganzen Reihe von anderen Leuchtfeuern die Schiffe vor den Goodwin Sands, eine rund 19 km lange Kette von Sandbänken 5,5 Kilometer östlich von Deal im Ärmelkanal, warnen sollten. Die Goodwin Sands sind eine der größten Schiffsfriedhöfe auf der Welt. Rund 2000 Schiffe sind ihnen zum Opfer gefallen. Bereits 1636 hatte man auf den rund 100 m hohen Klippen ein Ober- und ein Unterfeuer errichtet, zunächst einfache Holzgestelle mit offenem Kohlefeuer, die später durch Reflektorlampen in einer Laterne ersetzt wurden. 1793 wurde der eine, 1795 der andere erneuert, bevor die beiden Steintürme gebaut wurden. Bis heute stellen die Goodwin Sands eine Gefahr für den Schiffsverkehr im Ärmelkanal dar und sind deshalb durch drei Feuerschiffe (North Goodwin, East Goodwin und South Goodwin) sowie durch zehn Bojen markiert.

South Foreland Lighthouse

Der kleine Leuchtturm leuchtet aber seit 1988 nicht mehr. Er gehört seitdem dem National Trust und man kann ihn besichtigen, dazu muss man aber einen ziemlich langen, aber wunderschönen Spaziergang machen. Vor zwei Jahren (im Juni 2008) haben unseren Englandurlaub damit beendet und bei schönem Wetter den Weg vorbei an Wiesen mit bunten Blumen und wogenden Getreidefeldern mit Blick auf das blaue Meer oben auf den weißen Kreidefelsen sehr genossen. Der zweite Leuchtturm, das Unterfeuer, näher an den Klippen, wurde bereits 1910 außer Dienst gestellt, weil sich die Lage der Sandbänke verändert hatte. Es ist heute in privater Hand.

Wight Cliffs of Dover Wight Cliffs of Dover

Wight Cliffs of Dover Wight Cliffs of Dover

In dem 21 m hohen Leuchtturm kann man die alte Optik und die Maschinen, die zum Betrieb des Leuchtturms notwendig waren, besichtigen und erfährt einiges aus der ereignisreichen Geschichte des Turmes. Er erhielt im Jahr 1858 als erster Leuchtturm ein elektrisches Leuchtfeuer. Michael Faraday, der 1831 die elektromagnetische Induktion entdeckt hatte, war von 1838 bis 1865 wissenschaftlicher Berater des Trinity House, der britischen Behörde, die unter anderem für die Leuchttürme an den Küsten Großbritanniens zuständig ist. Seine Aufgabe war die britischen Leuchttürme nach dem Muster der französischen Leuchttürme zu modernisieren. So ließ er die ersten rotierenden Leuchtfeuer mit Fresnel-Linsen installieren. Seine Entdeckung hatte die Konstruktion von den ersten elektrischen Generatoren, Transformatoren und Elektromotoren möglich gemacht und so gab es auf seinen Vorschlag auch die ersten Versuche die Leuchttürme zu elektrifizieren.

South Foreland Lighthouse

Dabei verwendete Faraday die Entwicklungen anderer Ingenieure. Das erste System, das er testete, stammte von Joseph John William Watson. Elektrischer Strom aus einer Batterie wurde durch eine kleine Lücke zwischen zwei Kohlestoffstäbe geleitet. Dabei entsteht ein brennender Lichtbogen, der ein besonders helles, weithin sichtbares Licht erzeugt. Eine solche Kohlebogenlampe wurde zum ersten Mal in einem Buch von Professor Johann Samuel Halle aus dem Jahr 1792 beschrieben. Da es aber keinen Nachweis gibt, dass diese Lampe jemals funktioniert hat, sieht man heute den Briten Humphry Davy als ihren Erfinder an. Faraday unternahm zwei Jahre lang Versuche mit dem System von Watson in zwei Leuchttürmen, die in Blackwall an der Themse extra zu diesem Zweck errichtet worden waren. Am Ende lehnte er es aus drei Gründen ab. Das Licht flackerte zu sehr und es entstanden Dämpfe durch die Salpetersäure in der Batterie, vor allem aber hätte man – wie Faraday meinte – intelligentere Leuchtturmwärter benötigt, um das System zu bedienen.

South Foreland Lighthouse

In den 1850ger Jahren war es Frederick Hale Holmes gelungen eine elektrische Kohlebogenlampe zu konstruieren, die den Strom von einem Generator erhielt, der mit Dampf betrieben wurde. Außerdem war es Holmes gelungen, einen Mechanismus zu entwickeln, der den Abstand zwischen den beiden Kohlestoffstäben konstant zu halten, was zu einer gleichbleibenden Lichtstärke führte. Nach umfangreichen Tests ließ Faraday diese im South Foreland Lighthouse einbauen. Damit wurde der Leuchtturm zu dem ersten Ort in der Geschichte, wo man elektrische Energie erzeugte und gleichzeitig praktisch nutzte. Leider arbeitete dieses erste elektrische Leuchtfeuer nicht zuverlässig genug und acht Monate später mussten wieder Öllampen den Schiffen den Weg weisen.

Wight Cliffs of Dover

Im Herbst 1884 ließ das Trinity House neben den Leuchtturm drei Versuchstürme mit der gleichen Feuerhöhe errichten, um verschiedene Leuchtfeuerarten auf ihre Fernwirkung zu testen. Die Türme waren mit riesigen Buchstaben A, B und C gekennzeichnet, so dass man sie von den Schiffen im Ärmelkanal aus gut unterscheiden konnte. Die Kapitäne wurden aufgefordert, der Behörde mitzuteilen, welches der drei Leuchtfeuer die beste Leuchtwirkung hatte. Ziel dieses Versuches war ein Vergleich der konventionellen Lichtquellen mit den neuen elektrischen Lampen. Obwohl die elektrischen Lichtbogenlampen überlegen waren, dauerte es noch einige Zeit, bis sie allgemein eingeführt wurden, da man den aufwändigen Bau der Stromerzeugungsmaschinen scheute.

Wight Cliffs of Dover Wight Cliffs of Dover

Wight Cliffs of Dover Wight Cliffs of Dover

Ein ganz anderer Versuch fand am Weihnachtsabend 1898 von dem kleinen Leuchtturm aus statt. Der Erfinder der drahtlosen Telegrafie, der italienischen Physiker Guglielmo Marconi, stellte die erste Funkverbindung der Geschichte zu dem 16 km entfernt liegenden Feuerschiff Goodwin her. Die Nachrichten wurden im Morsecode übermittelt. Am 27. März 1899 war die Technik so weiterentwickelt worden, dass Marconi auf dem Leuchtturm eine Nachricht von der anderen Seite des Ärmelkanals aus Wimereux in Frankreich empfangen konnte - . Der Nutzen dieser neuen Technik wurde bereits im folgenden Jahr praktisch bewiesen, als das Feuerschiff gerammt worden war und man über Funk Hilfe anforderte.

Dover Castle

Hafen von Dover

Hafen von Dover

Unsere Fähre folgte ein kurzes Stück der Küstenlinie und wir konnten die Aussicht auf die weißen Klippen genießen, bis der Hafen von Dover vor uns lag, überragt von der eindrucksvollen Kulisse von Dover Castle. Ein großes Kreuzfahrtschiff lag an der Kaimauer, eine Fähre machte sich auf den Weg nach Frankreich und wir machten uns auf zur Treppe, die hinter zum Autodeck führte, auf dem unser Wohnmobil auf uns wartete. Wie jedes Mal warteten wir ungeduldig darauf, dass wir von der Fähre rollen durften und unser Inselabenteuer beginnen konnte. Dann ging es endlich los auf der für uns „falschen“ Straßenseite Richtung Canterbury. Bei unserem ersten Englandurlaub habe ich als Beifahrer noch bei jedem Auto zusammengezuckt, das uns entgegen kam. Mittlerweile kann mich das nicht mehr erschrecken. Irgendwie ist es vollkommen normal, sobald man von der Fähre herunter ist, auf der linken Straßenseite zu fahren. Nur als Fußgänger haben wir immer noch Probleme beim Überqueren der Straße in die richtige Richtung zu gucken.

Hafen von Dover

Wir hatten uns etwas Sorgen gemacht, ob wir auf dem Campingplatz des Camping and Caravanning Clubs in Canterbury auch einen Platz bekommen würden. Schließlich war es Samstag. Aber wir hatten Glück. Es gab einen schönen ebenen Platz für uns auf einer so makellosen Rasenfläche, wie es sie nur England geben kann. Froh und zufrieden, dass alles wie geplant geklappt hatte, machten wir es in unserem Wohnmobil gemütlich, verstauten noch die letzten Sachen, die wir zuhause nicht ganz an ihrem richtigen Platz untergebracht hatten und öffneten ein Flasche italienischen Rotwein, um unseren ersten Urlaubsabend gebührend zu feiern. Zum Abendessen gab es Spaghetti mit Pesto. Dann vertieften wir uns in unsere Urlaubslektüre und schauten ab und zu aus dem Fenster. Ein ganzer Kindergarten kleiner Kaninchen war dabei den Rasen zu erobern. Wenn ein Mensch vorbei kam, brachten sie sich unter einem Caravan oder in einem Gebüsch in Sicherheit, um bald wieder aufzutauchen, sobald die zweibeinige Gefahr verschwunden war.

"Campingplatz Kaninchen" in Canterbury

Die Informationen habe ich hier gefunden:

http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,495288,00.html
file:///D:/Daten/Reisetagebuch%202010/Dover/geologie-der-kanal-ist-voll-1.606269.htm

http://www.engineering-timelines.com/scripts/engineeringItem.asp?id=740
http://www.engineering-timelines.com/who/Faraday_M/faradayMichael7.asp
http://www.sciencemuseum.org.uk/images/I004/10214715.aspx
http://de.wikipedia.org/wiki/Goodwin_Sands
http://en.wikipedia.org/wiki/Goodwin_Sands
http://en.wikipedia.org/wiki/South_Foreland_Lighthouse
http://www.faz.net/s/Rub6F18BAF415B6420887CBEE496F217FEA/Doc~E252B54FBED4D499E9202B79DE3E11E42~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Kohlebogenlampe
http://www.youtube.com/watch?v=Izqy2kqJYz8

Mehr Bilder von der Überfahrt von Calais nach Dover und von unserem Spaziergang zum South Foreland Lighthouse 2008